Genunea und Eberhard Musculus
Bild: Genunea Musculus

über Menschen und Tiere werde ich
Euch erzählen, die mir als
Persönlichkeiten begegnet sind...
Genunea Musculus

Episode aus dem Roman „Genunea. Czerno­witz liegt nicht nur in der Buko­wina“

Niedrigkeiten, Widrigkeiten

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Als Nuni eines Tages in der Mittags­schlange auf ihren Graupen­eintopf gewartet und diesen von „Kame­radin“ Frieda auch in ihre Schüssel „hinein­geplatscht“ be­kommen hatte, befahl sie ihr mit dikta­to­rischer Stimme: „Frau Niefer, Sie kommen gleich nach dem Mittag zum Küchen­dienst. Haben Sie verstanden?“

„Heute vormittag hatte ich schon Klo­dienst, und so bin ich Nach­mittags frei“, ant­wortete Nuni. „Ob Sie frei sind oder nicht, be­stimme ich!“, erwiderte Frieda mit wider­lichem Ton­fall, während sie drohend ihren Suppen­löffel erhob. Willy verbot Nuni, diese zu­sätz­liche Arbeit zu ver­richten, denn das Lager­reglement besagte eindeutig: wer vor­mittags arbeite, brauche dies nicht nach­mittags zu tun – und umgekehrt. Natür­lich erfuhr Frieda, dass die beiden Niefers keine Ein­bürge­rungs­urkunde ausgehändigt bekommen hatten. Dem­zufolge konnte sie ihre Schi­kanen voll und ganz auf die wehr­lose Nuni loslassen.

Und Nuni fügte sich. Sie wusste, dass sie nun manches ein­zu­stecken haben würde, gleich, von wem – sie als fremder Ein­dring­ling in diesem „Reich“. Die Sauberkeit der großen Küche strahlte Nuni an, als sie eintrat. In der Mitte befanden sich die vier Elektro­kessel, die einen Umfang von wohl zwei Metern hatten. Hier wurde die Graupen­suppe fabriziert. An den Wänden glitzerten die Blech­schlüsseln, die in Regalen aufgestapelt waren, und der ganze Boden war mit weißen Stein­fliesen ausgelegt. „Kame­radin“ Frieda goss einen Eimer Wasser nach den anderen auf den Boden, nahm einen Schrub­ber und sog das Wasser im Stehen wieder auf. So empfing sie Nuni, als sie sich bei ihr meldete, und warf ihr einen Lappen in die Hand. An der Wand hing ein zweiter Schrub­ber. Nuni holte sich ihn, wickelte den Lappen um ihn und begann, wie „Kame­radin“ Frieda, die Küche aufzuwischen. Plötz­lich ertönte Friedas wütende Stimme. „Was tun Sie hier eigentlich?“ Ver­wundert sah Nuni sie an. „Ich arbeite, genau wie Sie. Ist das etwa nicht richtig?“ „Für Sie nicht. Sie müssen kniend die Küche auf­wischen, ohne Schrub­ber.“ „Kniend – wieso kniend? Da würde mir ja die Suppe wieder heraus­kommen. Ich habe doch einen vollen Graupen­bauch, außerdem wischen Sie den Boden auch im Stehen auf, Kame­radin Frieda.“ „Kame­radin bin ich nicht für Sie. Wir sind keine Kame­raden, und was mir ge­stattet ist, ist es Ihnen noch lange nicht!“ „Warum?“, fragte Nuni neu­gierig. „Warum – das werde ich Ihnen erklären!“, fuhr Frieda in ordi­nä­rem Ton fort. „Ich bin ein voll­wertiger Mensch, ein deutscher Mensch, und Sie, Sie sind nur eine Rumänin!“

Nuni tat so, als ob sie nicht verstand, und manövrierte weiter stehend mit ihrem Schrub­ber, bis sie plötz­lich einen bren­nen­den Schmerz auf ihren Füßen spürte. „Kameradin“ Frieda hatte ihr kochen­des Wasser über die Füße geschüttet. Nun musste Nuni vor Schmerz tatsächlich auf die Knie fallen und ein paar Tränen auf den Glanz­fußboden vergießen. Sie rannte davon, auf das ver­schwiegene bewusste Örtchen, um sich aus­zu­weinen, und um den Schmerz mit kaltem Wasser zu lindern. Sie wollte hiermit Willy nicht belasten. Er suchte sie aber unter­dessen und wollte sie aus der Küche holen. Nach­dem die beiden sich wieder­gefunden hatten, be­merkte Willy sofort Nunis feuchte Strümpfe und Schuhe, die rot­entstellten Füße und die ver­weinten Augen. An seiner Hand führte er Nuni ins Büro des Lager­führers, um Ver­ständ­nis und Ge­rech­tig­keit zu erhalten.

„Ja, Herr Niefer, mir wurde auch berichtet, dass Ihre Frau erst die Schule absolviert hat. wohl­habend war und nie gearbeitet hatte. Hier bei uns ist es anders. Sie muss das Arbeiten erlernen.“ Erstarrt sah Willy ihn an und ver­langte nach Fräulein Frieda: Sie gab ihre Tat scham­los zu, bereute nichts, und da stieg das Blut in Willys Gesicht. Er begann zu brüllen und drohte mit einem Be­schwerde­schreiben an Himmler. „Bis Sie das Er­geb­nis erhalten, Herr Niefer, werden Sie straf­weise mit Ihrer Frau in den Saal Nr. 63 verlegt. Sie besaßen die Un­ver­schämt­heit, sich über eine Reichs­deutsche zu be­schweren!“, war die un­ver­frorene Antwort des Lager­führers.

Weiße Nächte begannen für Nuni und Willy. Der Saal Nr. 63 lag im Parterre. In ihm hausten weit über 60 Seelen aller Alters­gruppen; die Schlimm­sten unter ihnen waren die Babies, die nachts in corpore zu schreien be­gannen, und die Alten, die wie die Trom­peten husteten. Aber auch hier ging das Leben weiter. Man hoffte und wartete... Und als einige Zeit ver­strichen war, ohne dass eine Änderung eintrat, begann von neuem das Warten auf die Hoff­nung. Viele Frauen standen nicht mehr stolz und erhaben in der Mittags­schlange, sondern gingen mit ihren Blech­dosen und ihren größer werdenden Bäu­chen direkt zu Fräulein Frieda und bekamen zu­sätz­lich auch einen Liter Milch.

Der Himmel bescherte Nuni nicht mit dieser „Hoff­nung“. So stand sie ihre volle Stunde brav in der Reihe, die sich langsam zum Suppen­topf bewegte. Die Hoff­nung aber ließ nicht locker. Werdende reinrassige Mütter erhielten auch den Einberufungs­schein ihrer Männer, und die Paare wurden getrennt – vielleicht für immer. Nuni hin­gegen wartete weiter an der Seite ihres lieben Willy und harrte der Graupen­suppe.

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