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Hozu, rumänisch, „Dieb“, der braun-weiß melierte Hund, sah von Weitem aus wie ein Schäferhund, war aber keiner, sondern eine Promenadenmischung. Dieser Czernowitzer Hund, ein Produkt der „multikulturellen Gesellschaft“ in der Bukowina, war psychisch, physisch und intellektuell origineller als andere
Hunde. Ein großes braunes Auge und ein kleines rotes guckten verschmitzt aus seinem schäferhundähnlichen Gesicht. Sein dicker, buschiger Schwanz wedelte energisch in alle Richtungen. Er wohnte in einer großen Hundebude, die mit Stroh, Federn und Wolle gut ausgepolstert war. Eine lange Hundekette lag symbolisch auf dem Boden, wurde aber von der Familie Dimitrovici nie benutzt. Ein freiheitliches Hundeleben!
So lief er im Hof herum, sprang über den Zaun in den großen, wilden Gartenpark und vergnügte sich. Oft begegnete Rondella ihm und seiner Diana, einer Jagdhündin, vormittags im Dominik-Park, der vom Haus der Familie weit entfernt lag. Er flirtete, Rondella schwänzte die Schule, und beide schämten sich ihrer illegalen Taten.
Eines Tages verirrte sich ein Truthahnbaby in den Hof des Hauses. Er wurde von Hozu und von der übrigen Familie freundlichst aufgenommen und „Poussi“ genannt.
Das lange, weiße Haus hatte zwei Eingänge - den Vordereingang für Gäste, „bessere Leute“, und den Hofeingang für das Personal und verschiedene Händler.
Montags, gegen neun Uhr, erschien stets ein ukrainisches Bauernpaar aus einem benachbarten Dorf, um beste Butter, saure Sahne, Quark und Eier anzubieten. Sie benutzten einen Pferdewagen, und darauf standen viele Körbe mit den frischen Waren. Gekleidet waren sie in lange, weiße Baumwollhosen und -hemden, an Kragen und Ärmeln mit schwarzem Garn bestickt. In einem breiten Ledergürtel hielten sie die Geldbeutel versteckt. Sie trugen selbstgefertigte Leder-Opanken. Auch die Mäntel aus dicker gewebter Wolle, mit breiten Raglanärmeln, waren mit dem schwarzen Garn umrandet; die weiße Kapuze bedeckte den Kopf.
Hozu konnte solche Trachten nicht ausstehen. Er war nur an die Menschen und Gäste im Haus gewöhnt, die durch den Haupteingang kamen und „deutsch“ gekleidet waren. (Der Begriff „deutsche Kleidung“ war in der k.u.k. Monarchie geprägt worden und stand für die europäische Normalkleidung - dunkle Hose, Hemd, Sakko, Hut.)
Wenn nun das ukrainische Bauernpaar oder andere Besucher in Nationaltracht die Messingklinke des gelben Eingangstores herunterdrückten, hörte Poussi das als erster. Er nahm seine „Kampfposition“ ein, indem er die Flügel ausbreitete und seinen Perlenhals hellrot erglühen ließ und lief, in seiner Sprache murrend, dem Eindringling entgegen. Auch Hozu ärgerte sich beim Anblick dieser „unerwünschten“ Gäste und folgte Poussi sogleich. Doch er mimte einen senilen, alten. kranken Hund. Er bellte nicht, hinkte plötzlich mit dem rechten Hinterbein und kniff sein großes Auge zu. Die Bauern bekamen Mitleid mit dem „armen, kranken“ Tier und zeigten natürlich keine Angst vor ihm. Gemütlich betraten sie die Verandatreppe.
Oben angelangt, sprang Hozu sie plötzlich von hinten an, biss sie in Hose und Beine, und mit einem Salto „entschwebte“ der „Lahme“ nach vollbrachtem Werk über den Zaun in den wilden Garten. Vater Silviu musste natürlich für die zerfetzten Hosen aufkommen. List und Perfidie brachten Hozu immer wieder den erwarteten Erfolg und Silviu ein Minus in der Tasche. Später verkauften die Bauern ihre Waren nur noch am Seiteneingang.
„Hitzel“ war die Bezeichnung in der Bukowina für das, was man „Hundefänger“ nennt. Anders als heute führten die Hunde ein richtiges Hundeleben ohne Familienstammbaum, Marke, Hundesteuer und Hundefriedhof, aber mit freier Liebe und echten Knochen, manchmal sogar mit Bauernwaden.
Es liefen genug herrenlose Hunde herum, so dass die „Hitzel“ immer vollauf beschäftigt waren. Hozu flanierte täglich auf den Straßen. Öfters versuchten die „Hitzel“, ihn zu erwischen - jedoch ohne Erfolg. Die Natur, oder der Hundegott, hatte ihn mit einem ganz speziellen Körperbau bedacht: sein Kopf war schmaler als sein Hals! So rutschte die Hundefängerschlinge über seine Ohren ganz leicht wieder ab. Hozu konnte sich immer befreien, machte einen Salto und landete unversehrt in seinem Imperium.
Klug geworden, meinten die „Hitzel“ dann nur noch resigniert: „Mit dem da, mit diesem Köter, können wir nichts machen, er hat zum Kuckuck so einen Hals, dass unsere Schlinge nicht verfängt!“ So war sein Leben zu seiner und der Familie Freude gesichert.
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