Genunea und Eberhard Musculus
Bild: Genunea Musculus

über Menschen und Tiere werde ich
Euch erzählen, die mir als
Persönlichkeiten begegnet sind...
Genunea Musculus

Episode aus dem Roman „Genunea. Czerno­witz liegt nicht nur in der Buko­wina“

Gänsehäufel

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In den Sommermonaten, bevor man ans Meer und ins Gebirge fuhr, ver­brachte Nuni unvergessliche Tage am „Gänsehäufel“. So hieß das Strand­bad am Flüsschen Pruth, der nördlich der Stadt Czerno­witz ruhig und klar dahinfloss.

In Be­glei­tung ihrer Freundin Titi und deren Eltern spazierte sie den langen Weg dorthin. Schon morgens um neun Uhr ertönte von der Straße die Stimme von Titis Vater Oskar durch die Gitter­fenster: „Genunea, bist Du fertig, oder schläfst Du noch, Du kleine Faule?“ Mit voll­gepacktem Körbchen und ihrem Strohhut lief Nuni dem Drei­gespann lustig entgegen. Titi wohnte mit ihren Eltern nur drei Häuser von Nuni entfernt. Die fleißige Mitschülerin kam mit Nuni ganz gut aus, besonders aber verstand sich Nunica mit ihren Eltern. Die Franzens­gasse, in der beide Familien lebten, fiel durch ihre unendliche Länge, ihre Form und ihre soziale Struktur auf. Vom jüdischen Tempel, vorbei an Park­anlagen, lief diese Straße in gerader Linie ungefähr ein einhalb Kilometer bis zum Hause Dimi­trovici.

Hier begann dann ein abschüssiger, unge­pflaster­ter Weg mit ärm­lichen kleinen Häusern, der bis zum Pruth hinunter­führte. Nur schwierig war dieser steinige Weg zum Strand­bad zu bewältigen. Stein­chen spran­gen in die San­dalen und ver­wundeten die Zehen. Man verlor leicht das Gleich­gewicht, kam ins Rutschen, und Nuni bremste mit ihrem Aller­wertesten auf diesem steilen Abhang so manches Mal. Oskars Idee, den kom­pli­zier­ten und schwie­ri­gen Weg abzukürzen, wurde ein­stimmig angenommen. Man versuchte, durch die Gärten der Anwohner einfacher zum Strand­bad zu kommen.

Die guten und beschei­denen Mensch­lein gestatteten es ihnen, ihr kleines „Hab und Gut“ zu durch­queren; sie fühlten sich sogar geehrt, dass die „Herr­schaften“ es betraten. Aber das Ganze brachte auch Kompli­ka­tionen mit sich. Kleine, morsche Holzzäune mussten bestiegen werden, und oft genug ver­scheuch­ten Hunde mit lautem, vorwurfs­vollem Bellen die Ein­dring­linge. Nach allen Schwierig­keiten und Eskapaden ge­lang­ten dann aber doch alle wohl­behalten und un­ver­sehrt ins „Gänse­häufel“.

In den Kabinen zog man sich eilig um, verweilte dann längere Zeit vor dem Spiegel an den Treppen, um sich gründlich zu betrachten und ging schließlich lässig zur Wiese. Nunica und Titi wurden von den Blicken der jungen Burschen an­ge­strahlt, und gern ließen sie sich be­wundern. Onkel Oskar und Tante Hilde be­rei­teten schon die Decken auf dem Rasen aus, man sonnte sich syste­ma­tisch auf Rücken und Bauch, und schließlich nahm man das zweite Früh­stück ein.

So erholten sich die vier von den Stra­pa­zen des Fußweges und gingen dann ins Wasser. Oskar schwamm wie ein Schwan voraus, die anderen drei folgten ihm. Es bereitete ihnen beson­dere Freude, den Fluss zu über­queren; die Mädchen betrachteten sich als „Hel­dinnen“ und tauften das gegenüber­liegende Ufer „Afrika“. Um Punkt ein Uhr ertönte das Mittags­konzert der kleinen Kapelle am Gänsehäufel-Kiosk.

Mit Appetit und einigen Ameisen, die sich in den Korb hinein­verirrt hatten, vertilgte man das panierte Hühnchen und den Sauer­kirsch­kuchen. Nach­mittags pro­me­nier­ten Nunica und Titi zur Freude mancher Jungen längs des Flusses. Bei Sonnen­unter­gang ergötzten sie sich noch am warmen Pruth­wasser, und zufrieden kehrten alle wieder nach Hause zurück.

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